Pflegetagebuch ausfüllen – ja oder nein?

Das Pflegetagebuch wird von Pflegekassen empfohlen um die Begutachtung zur Pflegeeinstufung vor zu bereiten. Immer wieder lese und höre ich von Diskussionen zu diesem Thema. Auf der einen Seiten wird es Angehörigen empfohlen. Andererseits wird davon abgeraten. Ich möchte Ihnen heute meine Sicht zu diesem Thema darlegen.

Aus meiner Sicht gibt es keinen klares für oder wider. Es gibt Situationen, die für den Einsatz eines Pflegetagebuches sprechen. Es gibt aber auch Situationen, in denen der Einsatz eines solchen wenig Zielführend bzw. eher kontraproduktiv ist. Dies möchte ich Ihnen darstellen.

Was ist ein Pflegetagebuch

In einem Pflegetagebuch erfassen Sie über einen bestimmten Zeitraum alle Tätigkeiten, die bei einem pflegebedürftigen Menschen erledigt werden müssen. Der Titel ist eigentlich falsch gewählt. Denn es geht hier nicht nur um Tätigkeiten der Körperpflege. Sondern auch um Tätigkeiten im Haushalt und um Betreuungsbedarf den ein Mensch hat.

All diese Tätigkeiten sollten in einem Pflegetagebuch aufgeschrieben werden.

Da nicht jeder Tag gleich ist und auch nicht jede Tätigkeit jeden Tag vorkommt. Sollten Sie das Tagebuch über mindestens eine Woche besser sogar zwei Wochen führen.

Wann und warum sollte ein Pflegetagebuch geschrieben werden

Besonders bei Menschen, die für andere da sind, ist eine Eigenschaft besonders häufig zu finden. Das ist das Herunterspielen der eigenen Leitung. Beziehungsweise die eigene Leistung als selbstverständlich darzustellen.

Kommt der Medizinische Dienst oder medicproof zur Pflegebegutachtung. Werden viele Dinge. Die Tag täglich selbstverständlich und oft auch aufopferungsvoll gemacht werden – nicht erwähnt.

Das kann dazu führen, dass der Gutachter zu einer falschen Einschätzung kommt. Und dadurch die richtig Pflegestufe nicht gewährt wird.

Oft ist die Situation der Begutachtung mit Aufregung verbunden. Sie kennen es von sich selbst. Sind Sie aufgeregt passiert es leicht, dass einem nicht alles einfällt. Ist der Gutachter weg, dann ärgern Sie sich über sich selbst. Da Ihnen einfällt, dass Sie bestimmte Details vergessen haben.

Aus diesem Grund ist das Ausfüllen eines Pflegetagebuches im Vorfeld eine  gute Übung. Sie stellen fest. Was Sie leisten.

Können sich in Ruhe Gedanken machen. Bekommen ein Gefühl dafür, was die Gutachter wissen möchten und bereiten sich gut auf die Prüfungssituation vor.

Pro – Warum es sinnvoll ist ein Pflegetagebuch zu schreiben

Wie ich schon beschrieben habe. Kann eine Begutachtung durch den Medizinischen Dienst für alle Beteiligte – außer für den Gutachter – eine besondere und aufregende Situation darstellen.

Es ist eine Prüfungssituation. Und von diesen 30-60 Minuten hängt es ab ob sich die finanzielle Situation verbessert oder nicht.

Für Angehörige kann es – besonders beim ersten Mal- sehr schwierig sein. Zum einen muss er versuchen immer daran zu denken nichts zu vergessen. Beim Durchmarsch des Gutachters durch den Fragenkatalog. Zum anderen muss er sich noch um den Pflegebedürftigen kümmern. Viele setzen sich noch zusätzlich unter Druck, weil Sie sorge haben, dass dieser sich als zu selbstständig darstellt oder haben Sorge, dass der MDK auch Sie kontrolliert.

Mein Tipp:

Präsentieren Sie den Alltag.
Was passiert, das passiert. Es ist völlig normal. Dass sich ein Mensch, wenn Fremde in seine vier Wände kommen, anders verhält.

Daher kann ein Pflegetagebuch für Sie eine Hilfe sein. Wenn Sie sich schon Wochen zuvor aufgeschrieben haben, wie die Tage ablaufen. Welche Zeit sie für welche Tätigkeiten benötigen. Welcher Punkt am Tag besonders zeitaufwändig ist. Wo besondere Probleme liegen.

Dies können unter anderem sein:

  • der Pflegebedürftige wiegt über 80 kg
  • die Beweglichkeit, besonders in Armen und Beinen ist eingeschränkt
  • durch Lähmungen zum Beispiel nach einem Schlaganfall sind Arme oder Beine in der Beweglichkeit eingeschränkt oder können nicht eingesetzt werden.
  • der Pflegebedürftige neigt zu plötzlichen unkontrollierten Bewegungen
  • eine Herzschwäche(mit Atemnot und Wassereinlagerungen) führt dazu, dass Abläufe immer wieder unterbrochen werden müssen
  • beim Essen eingeben wird mehr Zeit benötigt wegen Störungen der Mundmotorik, Störungen beim Schluckvorgang oder Atemnot
  • das Essen muss beaufsichtigt werden, weil der Pflegebedürftige zum Schlingen neigt oder immer wieder aufsteht, sich verschluckt
  • es dauert länger bis der Pflegebedürftige sich zu Pflegehandlungen bereit erklärt
  • das Sehen und Hören ist eingeschränkt
  • Schmerzen, die stark und andauernd sind
  • bestimmte Räume, in denen die Pflege durchgeführt werden muss, sind sehr eng
  • wenn Pflegehilfsmittel eingesetzt werden müssen (fahrbare Lifter oder Wand- und Deckenlifter) ist auch ein höherer Zeitaufwand zu berücksichtigen.

Sie sehen diese Liste ist sehr lang und all diese Punkte führen dazu, dass ein höherer Zeitaufwand bei jeder einzelnen Tätigkeit auf die er Auswirkungen hat, gerechtfertigt ist.

Wichtig beim Erfassen der Tätigkeiten der Pflegeperson. Schreiben Sie nicht nur auf was Sie tatsächlich machen. Schreiben Sie auch auf, wenn Sie zu Handlungen auffordern müssen.

In der Begutachtung wird unterschieden zwischen:

Anleitung

Sie müssen den Ablauf der Tätigkeiten vorgeben. Ohne diese Anleitung würde entweder die Handlung nicht durchgeführt oder in der falschen Reihenfolge gemacht.

Beaufsichtigung

Hier ist es notwendig, dass Sie dabei sind um die Sicherheit des Pflegebedürftigen zu gewährleisten. Zum Beispiel beim Essen, wegen der Gefahr des Verschluckens. Oder beim Trockenrasieren, weil der Pflegebedürftige den Rasierapparat sonst mit Wasser auswäscht oder ähnliches

Unterstützung

Bedeutet, dass Sie alles so vorbereiten, dass der Pflegebedürftige die Handlungen selbst durchführen kann.

teilweise Übernahme

hier übernehmen Sie den Teil einer Handlung, denn der Pflegebedürftige selbst nicht durchführen kann. Zum Beispiel waschen des Rückens. Oder die Kraft reicht nur für einen Teil des Oberkörpers und der Rest wird von Ihnen durchgeführt.

vollständige Übernahme

Sie übernehmen die Handlung komplett und der Pflegebedürftige kann keinen eigenen Beitrag dazu leisten.

 

Diese genaue Betrachtung sollten Sie für jede einzelne Handlung vornehmen, die Sie aufschrieben. Es ist oft so, dass die Anleitung einer Tätigkeit mehr Zeit in Anspruch nimmt. Als die vollständige Übernahme.

Die Vollständige Übernahme ist aber nicht zielführend. Denn Sie würde dazu führen, dass sich der Pflegebedürftige wehrt oder sich schlechter fühlt.

Haben Sie sich das alles schon im Voraus überlegt, dann gewinnen Sie Sicherheit bei der Begutachtung. Können dem Gutachter schnell Auskünfte geben und haben keine Sorge etwas zu vergessen. Sie können gelassen sein, wenn sich der Pflegebedürftige besser darstellt. Dann können Sie begründen, dass sich das im Alltag und bei alltäglichen Handlungen anders darstellt.

 

Contra – Warum Sie besser auf ein Pflegetagebuch verzichten sollten

Für Laien, was pflegende Angehörigen bei der ersten Begutachtung in den meisten Fällen sind, sind die Pflegetagebücher nicht leicht zu verstehen.

Auf seiner Seite gibt Georg Paaßen den Tipp nicht mit der Stoppuhr die Zeiten zu erfassen. Er rät dazu sich darüber zu informieren was zur Grundpflege gezählt wird und diese Tätigkeiten aufzulisten. Zusätzlich rät er noch dazu aufzulisten, welche erschwerenden Faktoren hinzukommen.

Der Vorteil einer solchen Auflistung ist, dass Sie für sich die gleichen Gedanken gemacht haben, wie bei einem Pflegetagebuch. Sie aber dazu kein offizielles Formular haben. Die Auflistung dient Ihrer Gedankenstütze.

Haben Sie ein offizielles Pflegetagebuch geführt passiert es leichter, dass der Gutachter sich nur dieses ansieht oder sogar mitnimmt. (Hier der Rat, geben Sie nie das Original aus der Hand. Der Gutachter bekommt lediglich eine Kopie)

Je nach Gutachter,  wird dann das Gutachten nur anhand Ihrer Aufschriebe verfasst.

Haben Sie lediglich eine Auflistung, dann ist das Gespräch lebendiger und Sie können besser Ihre Sicht der Dinge schildern. Sie können ausführen. Warum in bestimmten Situationen mehr Zeit benötigt wird. Der Gutachter muss Sie befragen und kann nicht einfach nachlesen.

Gänzlich auf ein Pflegetagebuch oder Auflistung können Sie verzichten, wenn ein Mitarbeiter eines Pflegedienstes oder ein anderer unabhängiger Berater (Pflegefachkraft) bei der Begutachtung dabei ist. Da Gutachter des MDK in den meisten Fällen ebenfalls Pflegefachkräfte sind wissen beide Seiten auf was es ankommt und von was sie sprechen.

 

FAZIT

Ein Pflegetagebuch kann eine sinnvolle und gute Unterstützung sein. Wenn Sie mit den Begrifflichkeiten nicht zurechtkommen, dann rate ich Ihnen davon ab und empfehle Ihnen dem Tipp von Georg Paßen zu folgen.

Ein Pflegetagebuch müssen Sie nicht führen. Ihre Chancen auf die richtige Pflegestufe hängen nicht davon ab, ob Sie die notwendigen Tätigkeiten ausführlich aufgeschrieben haben. Entscheidend sind immer noch Ihre Schilderung und die Wahrnehmung des Gutachters beim Termin.

Wenn Sie neben der Pflege noch die Zeit finden sich in die Begrifflichkeiten, die Sie in den Vordrucken finden und ein Mensch sind, der sich gerne schriftlich Vorbereitet. Dann können Sie durch einen der Vordrucke unterstützt werden.

Sollten Sie durch die Pflege schon am Limit sein, dann sehen Sie gelassen dem Tag des Gutachterbesuches durch MDK oder Medicproof entgegen und schildern ohne Dramatisierung, die Situation. Erläutern Sie, was sie tagtäglich und auch wöchentlich immer wieder leisten.