Demenz und das Thema Nummer 1

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Heute geht es um das Thema Nummer 1. Die Liebe.

Möchten Sie diesen Beitrag lieber als Audioversion anhören. Dann können Sie dies unter der Folge: 027 Demenz und Liebe meines Demenzpodcastes machen.

Demenz und Liebe. Zu diesem Beitrag wurde ich im Rahmen meiner derzeitigen Tätigkeit in einem Pflegeheim inspiriert. Beim Pflegen einer Frau kam es zu folgender Situation:

Sie sind aber hübsch

Die Frau sah mich an und sagte: „Oh Sie sind aber ein hübscher Mann.“ Wer freut sich über ein derartiges Kompliment nicht. Im Laufe der weiteren Pflege musste ich ihr näher kommen, woraufhin Sie sagte: „Hm und Sie riechen so gut.“ Es war eindeutig. Hier wurde von der Frau ein Flirtversuch gestartet.

Dies kommt im Pflegeheim immer wieder vor. Ist doch auch logisch. Ein Pflegeheim, auch wenn es einige Menschen gerne anders hätten, ist auch ein Teil unserer Gesellschaft. Daher finden auch im Pflegeheim und bei pflegebedürftigen Menschen, die gleichen zwischenmenschlichen Interaktionen statt wie überall.

Hin und wieder habe ich schon von Kolleginnen und anderen Gesprächspartnern gehört, dass ich es als männliche Pflegekraft gut hätte. „Du wirst ja weniger an geflirtet.“
Das ist ein Irrglaube.
Dies passiert jeder Pflegekraft. Egal ob weiblich oder männlich.
Auch das Geschlecht des flirtenden ist nicht beschränkt. Ich wurde auch schon von Männern angemacht. Klar ist, dass es auch in Pflegeheimen homosexuelle Menschen gibt.
Auch wenn die Generationen, die derzeit im Pflegeheim leben grausamer Weise bei einem Outing noch gesellschaftlich geächtet, mit dem Tode bedroht oder strafverfolgt werden konnten. Aber es gibt Sie und um es mit den Worten von Herrn Wowereit zu sagen: „Das ist auch gut so“

Mein Vorteil besteht darin, dass ich dieses Thema ohne Vorurteile angehen kann. Ich habe mich ausgiebig dasmit beschäftigt und für mich gehört es zum Gesamtbild des Menschen dazu. Jeder Mensch hat ein Bedürfnis nach Nähe und ist ein sexuelles Wesen. Daher überrascht es mich nicht, wenn ich damit konfrontiert werde. Weder von Männlein noch Weiblein. Ich habe schon beides erlebt und mein Anliegen ist es dann eine Lösung für den Menschen zu finden.

Ich habe kein recht zu urteilen. Kein Mensch darf einem anderen Menschen das Bedürfnis nach Nähe, nach Sexualität oder nach anderen Bedürfnissen absprechen, solange dadurch niemanden zu Schaden kommt.

Pflegebedürftig und Bedürfnisse

Speziell, wenn der Mensch selbst aufgrund seiner Pflegebedürftigkeit oder einer Erkrankung nicht mehr selbst in der Lage ist eine „Lösung“ zu finden, dann ist es schön, wenn es Pflegepersonen oder Angehörige gibt, die ihn dabei unterstützen.

Mit diesem Beitrag möchte ich Verständnis schaffen. Aber auch die Grenzen aufzeigen.

Menschen haben ein Bedürfnis nach Nähe und Zuneigung. Dies ist eine Erkenntnis, die dich wahrscheinlich nicht überrascht.  Auch, dass das Bedürfnisse unterschiedlich ausgeprägt sind. Ist noch keine bahnbrechend neue Erkenntnis.

In meinem Interview mit Latife Üstü  hat sie von einer Frau erzählt, die immer wieder die Nähe einer Pflegekraft gesucht hat. Sie hatte einen Migrationshintergrund und es kann sein, dass Sie die Pflegekraft als Ihr Kind angesehen hat. So zumindest die Erklärung von Latife.

Es kann aber auch sein, dass hier andere Gefühle zum Vorschein kommen.
Vielleicht fand die Frau den Pfleger attraktiv. Vielleicht hatte er Ähnlichkeiten mit einem früheren Partner.

Lass mich Dir noch ein, zwei Beispiele aus meinem Alltag im Pflegeheim berichten:

Wir hatten eine Bewohnerin, die sah in einem anderen Bewohner ihren Mann.
Das Problem war das Unverständnis, dass sie nicht gemeinsam in einem Zimmer schlafen. Noch problematischer wurde es, als die Lebensgefährtin des Mannes zu Besuch kam. Die Folge waren regelmäßig wüste Beschimpfungen.

Die Lösung, die wir gefunden hatten war, dass der Bewohner und seine Lebensgefährtin sich außerhalb des Wohnbereiches getroffen haben. Die Beiden konnten eine schöne Zeit verbringen und wurden nicht durch die Mitbewohnerin gestört. Es hätte nichts gebracht mit der Bewohnerin zu reden. Für Sie war es Fakt, dass dieser Bewohner ihr Mann ist.

Demenz des (Ehe-)Partners

Es besteht auch die Möglichkeit, dass ein Mensch mit Demenz sich neu verliebt. In einen Nachbarn, einen Mitbewohner oder den Nachrichtensprecher im Fernseher. Das kann durchaus problematisch sein, wenn (Ehe-)Partner noch zu Besuch kommt oder in der gleichen Wohnung wohnt.

Das ist für einen Ehepartner, der möglicherweise sowieso schon Probleme mit der Erkrankung seines Partners hat nicht einfach.

Auf Ehepartner können noch weitere Probleme zukommen:

  • Er wird nicht mehr erkannt oder
  • eheliche Probleme verstärken sich durch die Demenz.
  • Vorhaltungen nehmen zu,
  • der Respekt nimmt ab,
  • Beschimpfungen nehmen zu.
  • Schuldzuweisungen an den erkrankten Ehepartner.
  • Die Erkrankung des bisher starken Parts in einer Ehe kann zu einer Umkehrung des Kräfteverhältnisses führen. Der vermeintlich „Schwächere“ sieht seine Chance. Vielleicht auch die Chance, in seinen Augen, erlittenes Unrecht zurück zu zahlen.

Eine Demenzerkrankung innerhalb einer Partnerschaft oder Ehe hat ein großes Konfliktpotential. Genauer gehe ich darauf in meinem Online-Kurs: Gewalt und Aggressionen vermeiden ein.

Alt und asexuell

Wenn das Gefühl nicht mehr ausreicht und Körperlichkeit gefordert wird.

Mir ist es wichtig jedem klar zu machen. Die Sexualität des Menschen endet nicht in einem bestimmten Alter. Sie endet mit dem Tod.

Gerade jüngere Menschen können sich nicht vorstellen, dass auch „alte Menschen“ eine Sexualität haben und diese auch ausleben.

Es ist gut, dass dies inzwischen immer wieder in Filmen thematisiert wird.

Aber in den meisten Köpfen ist es sicherlich noch nicht angekommen.
Besonders, wenn wir an unsere eigenen Eltern denken, dann gilt für die meisten Menschen doch der Satz: „Eltern haben keinen Sex.“

Klar, die Ausprägung der Sexualität ist von Mensch zu Mensch und von Lebenssituation zu Lebenssituation unterschiedlich. Aber es ist völlig normal, dass Menschen im fortgeschrittenen Alter und Menschen mit Demenz den Wunsch haben ihre Sexualität auszuleben.

Möglichkeit sich auszuleben

Ich bin der Ansicht. Sie sollten den Rahmen und die Möglichkeit haben, diese auch ausleben zu können.

Es kommt dabei aber immer wieder zu Problemen. Weil das Ausleben nicht möglich ist oder in falsche Bahnen gerät.

Dann kann es zu Übergriffen auf Pflegekräfte, Mitbewohner oder Familienmitglieder kommen.

Wir denken dann meistens an an grapschen, sich unsittlich verhalten, die körperliche Liebe einzufordern oder noch mehr.

Aber das beginnt schon früher. Auch ein Kuss auf die Backe kann ein Übergriff sein. Vor allem kann es der Beginn weiterer Handlungen sein wenn ein Missverständnis entsteht. Gerade, wenn es sich um zwei Menschen mit Demenz handelt muss genau beobachtet werden, ob sich beide Menschen bei den Annäherungen wohl fühlen.

Gesteuert oder Getrieben

Wenn ein Mensch mit Demenz ein Verhalten an den Tag legt, dass als problematisch eingestuft wird. Weil er Grenzen überschreitet oder anderen Menschen schadet. Dann muss folgendes beobachtet und unterschieden werden:

Macht der Mensch mit Demenz einen Unterschied zwischen seinen „Opfern“ oder handelt er bei „Jedem“ gleich.

Ein Beispiel: Der Bewohner eines Pflegeheimes macht nur bei einer bestimmten Pflegeschülerin oder Bewohnerin anzügliche Bemerkungen.

Dann ist davon auszugehen, dass dies kein Krankhaft enthemmtes Verhalten die Ursache ist.

In diesem Beispiel kann es schon ausreichen, dass der Kontakt unterbunden wird. Oder klar angesprochen wird, dass hier eine Grenzen überschritten wurde. Auch ein pflegebedürftiger Mensch oder ein Demenzkranker muss ein Nein akzeptieren. Tut er dies nicht. Hat auch er die Konsequenzen für sein Handeln zu tragen.

Wenn sein Verhalten durch eine krankhafte Enthemmung aufgrund einer Demenz verursacht wird. Und Sie oder Er entblößt sich, masturbiert überall oder verhält sich anderweitig sexuell enthemmt. Dann ist eine Lösung schwerer zu finden. Hier kann das Verhalten nicht durch aufzeigen der Grenzen beendet werden.

Es kann aber auch nicht sein, dass daraus die Schlussfolgerung entsteht.
Wenn das Verhalten durch eine fehlende Hemmung ausgelöst ist. Muss es eben akzeptieren werden. Dagegen kann nichts gemacht werden.

Nein, das geht nicht. Denn in dem Fall müssen die Personen geschützt werden, die von dem krankhaften Verhalten betroffen sind.

Verurteilen ist keine Lösung

Trotzdem bitte ich Dich diese Menschen für ihr Verhalten nicht zu verurteilen. Sie machen es nicht um anderen zu schaden. Das ist ein krankheitsbedingter Prozess.

Wenn Du die Vertrauensperson bist, dann kannst Du nur helfen, wenn du dieses Vertrauensverhältnis nicht zu zerstörst.

Besonders, wenn andere Personen wie der Ehepartner, die Kinder oder andere Familienmitglieder unter dem enthemmten Verhalten zu leiden haben ist eine medikamentöse Lösung in Betracht zu ziehen.

Da bei einem enthemmten Verhalten nicht von einer Befriedigung ausgegangen werden kann, sondern eher von einer zwanghaften Handlung. Ist es ratsam sich mit dem Hausarzt oder einem behandelnden Neurologen zu besprechen.

Für mich ist es oft schrecklich anzusehen, wie Ehepartner unter der Erkrankung ihres Mannes oder der Frau mitleiden. Ich vertrete ganz klar die Meinung, dass dies nur zu einem gewissen Grad akzeptierbar ist. Wenn ich von mir ausgehe, dann würde ich nie wollen, dass meine Frau oder Tochter durch meine Erkrankung leidet. Aus diesem Grund ist für mich klar, dass ich unter bestimmten Umständen in ein Pflegeheim umziehen muss. Und so vertrete ich das auch in meinen Beratungen.

Normales Bedürfnis

Wenn der Wunsch nach Nähe nicht auf enthemmt krankhaftes Verhalten zurück zu führen ist. Sondern eine völlig normale Sexualität ist. Dann kann es problematisch werden, wenn ein pflegebedürftiger Mensch oder ein Mensch mit Demenz nicht die Möglichkeit hat dieses Bedürfnis zu befriedigen.

Oder lass es mich anders ausdrücken. Es gibt inzwischen Erfahrungen, dass Verhaltensauffälligkeiten, wie Unruhe oder unsittliches Verhalten, deutlich abgenommen haben, wenn die Möglichkeit zum Ausleben der eigenen Sexualität geschaffen wurde. Dazu gibt es inzwischen die Möglichkeit einer sogenannten Sexualassistenz.

Anders als beim Besuch einer Prostituierten geht es nicht um den Vollzug des Geschlechtsverkehrs. Den gibt es bei der Sexualassistenz nicht. Sondern es geht um das Erleben des eigenen Körpers. Spüren von Nähe und das Erleben eines Orgasmus.

 

FAZIT

Dieses Thema ist für Angehörige, egal ob Kinder oder (Ehe-) Partner, sehr schwer zu verkraften bzw. sich damit auseinanderzusetzen.

Es ist trotzdem wichtig zu handeln. Gerade, wenn der betroffene Mensch oder andere Menschen unter den Veränderung leiden. Oder er darunter leidet, dass er seine Bedürfnisse nicht ausleben kann.

Wichtig ist hier, dass ein pflegebedürftiger Mensch oder ein Mensch mit Demenz den Raum bekommt um seinen Wunsch nach Nähe, sein Bedürfnis nach Sexualität ausleben zu können.

Es ist schön zu sehen, wie die Unruhe eines Menschen abnimmt, wenn er die Möglichkeit hat einmal in der Woche sich in die Hände einer Sexualassistenz zu begeben. Oder ihm der Raum gewährt wird sich mit seinem Körper zu beschäftigen und sich selbst zu befriedigen.

Auch zu erleben wie zwei Menschen aufblühen, die sich ineinander verlieben und deren Liebe akzeptiert wird.

Dies erfordert ein großes Maß an Toleranz von allen Menschen. Besonders von den Angehörigen.

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